MAGICAL MYSTERY TOUR
Wintergedanken
Ein Winterbild von Anselm Kiefer. Ein aufgeschlagenes Buch ist von Eis überzogen, geöffnet, doch nicht mehr lesbar. Inmitten des stillgestellten, eingefrorenen Zustands ein paar versprengte rotgelbe Blüten, vereinzelt, blutend, angegriffen von Kälte und Frost, abgefallen vom nährenden Busch, dessen Trieb sich mittig zum Palimpsest des Frostbuches hochrankt. Die einzig markanten Farbtupfer inmitten der “Schrecken des Eises und der Finsternis”. Zeichen der Hoffnung? Der Vergeblichkeit? Des Leidens an der Kälte? Wer weiss. Das Eis könnte auch Kalk oder etwas Vergleichbares sein. Verkalkung. Stillstand mit roten Ausrufezeichen. Blüten des vergangenen Sommers. Residuen des Erinnerns. Phantasmen des Sterbens. Wer weiss.
Die einzigen Einzelheiten inmitten der grauweissen Fläche scheinen: die Umrisse des Buches, die Verlorenheit der versprengten Blüten. Dass sie noch da sind, gar in ihrer ursprünglichen Farbe wie ein Wundersames aufleuchten, scheint nicht logisch, sondern gewollt. Vom Künstler. Eine Flaschenpost. Man kann sich viele Assoziationen denken vom Rot der Liebesrosen, dem Blut des Lammes bis zur “Abendröte im Westen” von Cormac McCarthy. Das Offene öffnet uns. Die Botschaft bleibt im vielsagenden Schweigen, in der bedrängenden, appellativen Vieldeutigkeit. Keine Lehre, keine Moral. Ein bildnerisch extrem reduziertes Angebot: kennst Du das? Woher? Warum antwortet etwas in Dir? Was genau?
Winter 2025. Wenig Schnee. Kein Eis. Scheinbar alles andere als Erstarrung. Bewegung, Scheinblüten allenthalben. Rückzugsgefechte der bisher gültigen Narrative, begleitet vom Grössenwahn ihrer unscheinbaren Repräsentanten: Habeck als Projektion in München. Scholz droht Amerika… Musk spricht mit Weidel (warum eigentlich?). L.A. und Hollywood brennen. Kickl besiegt Österreich. Trudeau tritt tränenreich ab. Alles wird anders! Hoffnung. Euphorie. Allenthalben. Abgesehen von der Antifa, Correctiv und anderen Überlebtheiten.
Was passiert? Was ändert sich wirklich. Ändert sich überhaupt etwas ausser der Lautstärke, dem Lärm? Und ich, Du? Was ändert sich in, mit uns? Oder werden wir einfach in die nächste Märchenerzählung gewiegt von welch wohlwollenden Händen. Elon, Alice, Donald und so.
Was wichtig ist, wird nicht öffentlich gemacht. Anselm Kiefers vereistes Buch schweigt. Das Aktuelle soll uns von Corona, Rot-Grün, Kriegswut und Deflation Erschöpfte und mürb Gemachte wie himmlisches Manna laben, die Mörgenröte naht. Wie schon so oft. Dabei ähnelt sie McCarthys Abendröte zum Verwechseln.
Winds of change. Wer treibt denn die Winde an? Den Wandel? Und welchen eigentlich? Es ist höchste Zeit, den Misthaufen der Gegenwart abzutragen. Den genau die Akteure aufgehäufelt haben, die uns nun ins Goldene Zeitalter führen.
Die Erstarrung Kiefers. Warten auf Godot, den Messias. bessere Zeiten. Nur nicht fragen, was man selbst für einen Anteil haben könnte am Gestank der Gegenwart. Was man selber will - oder will man vielleicht nur, was andere, Gutmeinende für uns wollen?
Man muss nichts ändern. Nicht demonstrieren. Nicht den Nachbarn beleidigen. Nur sich selbst fragen: wer bin ich? woher komme ich? wohin gehe ich? Das reicht völlig. Das “Wozu” wird sich uns trotz Jesus, Platon, Pascal und KI nicht erschliessen. Muss es auch nicht.



Ein wunderschöner kleiner Text. Danke dir.